Dieter schnappte sich die Gitarre. Endlich war wieder einmal die Zeit dafür einen Song zu schreiben. Mit Songwriting kannte er sich schließlich aus. 

Trixie und Hilda waren mit Tante Mathilde in Brandenburg und hingen dort am See herum. Das Wetter war tatsächlich gut, sollte er doch noch hinterher fahren? Quatsch, er blickte wieder auf die Gitarre in seinen Pfoten und griff energisch in die Saiten. Wann wenn nicht jetzt? Das Songwriting erledigte sich schließlich nicht von allein. 

Schrumm, schrumm, schramm. Die Saiten waren etwas abgenudelt, aber das würde nur beim Recording Probleme machen, nicht beim Songwriting. Dieter spielte und sang erstmal Grey Street von Dave Matthews. Er war durchaus stolz darauf, dass er eine gut klingende Version des Gitarrenriffs in der Strophe gleichzeitig spielen und singen konnte, da der Rhythmus ganz schön vertrackt war. Das war gut, um sich warm zu spielen. Als nächstes einmal 3×5 von John Mayer, schöne teilweise etwas angejazzte Chords. Der Mayer hatte es schon drauf, besonders sein erstes offizielles Album Room for Squares legte die Latte ganz schön hoch.

Und jetzt etwas Eigenes erfinden. Genug gedaddelt. Naja, es war ja wichtig gewesen ein paar Klassiker zu spielen, um reinzukommen, oder nicht? Er könnte noch etwas simpleres spielen, wie zum Beispiel den Alltime-Pop-Klassiker Free Fallin’ von Tom Petty, um… Ne, ne, jetzt mal wirklich etwas Eigenes ausdenken, schalt sich Dieter.

Er spielte ein paar Akkorde, G-Dur (natürlich ohne die Terz), C-Dur (mit 9 und einem hohen G). Dann noch ein paar weitere passende Akkorde. „Passend“ waren die Akkorde in diesem Zusammenhang etwas mehr als ihm lieb war. Wohl eher Klischee, oder abgedroschen klang es, dachte Dieter. Da musste also jetzt die mega innovative Melodie drüber. Die Akkorde an sich machten ja sowieso noch keinen Song. Dann würde es bestimmt gut werden.

Dieter summte ein paar Melodieschnipsel drauf los und schrummte weiter seine „richtigen“ Akkorde vor sich hin. Das war doch jetzt nicht schlecht, fragte sich Dieter, oder? Irgendwie immer noch etwas austauschbar vielleicht. Ich habs, dachte Dieter, ich nehme noch die Doppeldominante dazu, das ist dann, Moment… A-Dur. Die Melodie muss dann am Ende runter anstatt gleich bleiben. Ich spiel es einfach nochmal, dachte Dieter. Hm, irgendwie ist das scheiße alles. Da fehlt das gewisse Etwas, das musikalisch Neue, das Aufregende, Funken Versprühende, den Hörer Packende. Dieter fing an Drive von Incubus zu spielen.

Ach Mist, so wird das nix, dachte Dieter frustriert. Plötzlich kam ihm etwas in den Sinn. Chicago hatte ihm doch vor einigen Jahren mal so eine Internetseite gezeigt. Wie hieß der Typ nochmal? So ähnlich wie diese Leute, die sich immer geritzt haben und traurig waren und die es jetzt eigentlich gar nicht mehr gab. Genau: Eno. Brian Eno war das gewesen, der Typ der den Windows 95 Startsound komponiert hatte. So ein Urgestein unter den elektronischen Musikern. Dieter legte die Gitarre zur Seite und tippte Brian Eno Songwriting Tips ein. Da war es, Oblique Strategies hießen die random Songwriting-Tipps, die er vor mehr als 40 Jahren das erste Mal veröffentlicht hatte. Dieter stieß schnell auf die Seite, die Chicago Oswald und ihm damals gezeigt hatte. Er öffnete den Google-Link und der erste Tipp war:

Lost in useless territory

Dieter musste breit grinsen. Eno war ein Fuchs – auch wenn er schon gemerkt hatte, dass er sich auf verlorenem Territorium befunden hatte, hatte der Meister natürlich vollkommen recht. Also noch ein Klick:

Display your talent

Das war nicht schlecht. Seine Stärke, das wusste Dieter, lag ja eben nicht im Akkorde schrammeln und immer wieder die selbe Melodie summen. Er könnte sein Talent damit zeigen, dass er einen besonderen Text ungewöhnlich musikalisch einsetzte. Das war es, das könnte der Durchbruch sein, er würde die Gitarre liegen lassen und einen Text schreiben, komplett analog mit einem Stift und einem Notizbuch. Er hatte doch irgendwo noch ein richtig schönes Notizbuch aus Thailand gehabt? Er klickte nochmal auf die Website:

Go to an extreme, come part way back

Ein super Tipp, genau das würde er machen. Er klickte nochmal und nochmal und nochmal und…

Dieter würde ein Hilfsmittel benötigen um von diesem hervorragenden Songwriting-Hilfsmittel loszulassen und endlich wirklich anfangen zu komponieren.

Die Oblique Strategies gibt es noch immer als Karteikarten zu kaufen, Dieter besitzt sie noch nicht, hätte die Box aber gern irgendwann mal in der Zukunft.

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