Hilda lief wie aufgestochen im Wohnzimmer umher und fing an mit einem Filzstift ihr Bein zu bemalen. Dieter blickte sich um: Junge, lag hier viel unaufgeräumtes Zeug. Eine förmlich greifbare innere Unruhe ging von der desolaten Ordnungssituation seiner eigentlich behaglichen vier Wände aus. Irgendwas roch seltsam.
Mal wieder alles mögliche waschen, hatte Trixie gesagt, bevor sie arbeiten gegangen war. Was war das nochmal gewesen? Hilda kreischte jetzt noch zusätzlich laut und ausgiebig. Der brodelnde Stress und die Unruhe in Dieter hatten sich zu einem Höhepunkt aufgestaut, der nichts gutes erhoffen lies. Er musste etwas tun, sein Nacken und Kiefer waren bretthart, leichte Feuchte war auf der behaarten Stirn auszumachen.
Fliehen, doch wohin? Schottland? Dort war er vor zehn Jahren einmal zusammen mit Chicago den West-Highland-Way gelaufen, vielleicht keine schlechte Option, er hatte doch noch irgendwo die Bilder davon. Oder lieber etwas sinnfreien browsen? Wie wäre es passend zur Wanderthematik mit Super-Ultralight-Wanderausrüstungs-Packlisten? Ein Garant für erfolgreiche Flucht und Verdrängung der aktuellen Situation. Hm, aber war das nicht kontraproduktiv?
Fahrig und unkonzentriert fingerte er sein Smartphone heraus. In Trance drückte Dieter sanft auf das Musiknotensymbol auf dem Display. Jetzt noch auf die Playlist Chillantro – lustiges kulinarisches Wortspiel, dachte Dieter von Ferne. Aus den Boxen seines praktischen Airplay-System erschollen die ersten Klänge des Songs Faith der Elektro-Songwriterin Ada. Ah, er konnte klarer sehen. Der Puls verlangsamte sich. Er kniete sich zu Hilda hin und streichelte ihr sanft über den Kopf. „Sag mal, wie wäre es mit einem richtig lustigen Aufräumen-Spiel?“.
Dieter hatte endlich seine Musik gefunden. Nicht nur, dass er jetzt wusste welche Musik er gerne eigenständig machen wollte, sondern auch zu welchen Klangkonstrukten er am liebsten lauschte. Er hatte lange – ja viele Jahre – dem Scheuklappen-Kuschel-Pop-Rock (Trixie würde sagen: Schlager-Pop) gefrönt. Nicht, dass ihn manchmal nicht der eine oder andere Rückschlag kalt erwischte: Jimmy Eat World, John Mayer, Dave Matthews, Counting Crows, Jack Johnson und wenn er es besonders nötig hatte Taylor Swift.
Das war alles nicht übel aber wirklich hingezogen fühlte sich Dieter mittlerweile zu einer anderen Musik, er nannte sie Electronica, weil er das mal irgendwo im Zusammenhang mit Moby gelesen hatte und er fand, dass es cool klang. Es war aber weniger der eigentliche Musikstil, der ein Musikstück für Dieter herausragend machte, sondern viel mehr, dass es in der Lage war ihn in eine sanft-entspannt-schwebende Stimmung zu bringen. Wichtig war ihm außerdem, dass es sich nicht um eine reine Klangkulisse, Fahrstuhlmusik, Soundkollage handelte. Dieter brauchte hier etwas mit Substanz, ordentlich musikalischem Fleisch an den Knochen, aufkratzender Struktur. Eher so etwas wie einen Pop-Electronica-Track. So etwas gab es gar nicht so häufig, besonders, wenn es nach Dieters Geschmack ging.
Wie würde wohl eine Liste aussehen? Eine famose, waschechte, dynamisch aktualisierte und natürlich geheime Pop-Electronica Hitparade. Dieter fing in Gedanken mit der Auflistung an.
1. AIR – ALONE IN KYOTO
Das war die Nummer eins. Er hatte zuerst das geniale Album Moonsafari der flauschig-sanften Band Air kennengelernt – schonmal grandios-sphärisch. Aber ALONE IN KYOTO vom Album Talkie Walkie hängte die Latte nochmal deutlich übern Gartenzaun. Dieter träumte sich direkt nach Kyoto, so dass dort niemand mehr allein sein musste.
2. ADA – FAITH
Wenn Dieter den allmählichen Beginn hörte, fühlte er sich als würde er in einem riesigen gemütlichen Plüsch-Schaukelstuhl hin- und herschweben. Sehr langsam, es war schließlich ein riesengroßer Schaukelstuhl.
3. MOBY – PORCELAIN
Leo in The Beach, später Yoga in stressigen Zeiten und schließlich Hildas Geburt – das waren ein paar mächtige Porcelain-Erinnerungen. Wie die Zeit nur gehoppelt war.
4. PAT METHENY TRIO – TRAVELS
Aufnahmeprüfung in der Uni, Dieter hatte den alten Metheny-Gassenhauer selbst dargeboten – und das nicht erfolglos: Andreas und Andreas ließen ihn studieren, für die lustige Hansestadtuni hatte es gereicht. Pat konnte es natürlich besser, immer eine Handvoll Weizenkörner von Feldern des mittleren Westens mit an Bord.
5. BEN HARPER – WALK AWAY
Boa, ist das stumpf. Nur diese paar Akkorde, so simpel dahergezupft? Ja, ja, der Teufel steckt im Detail, nicht ohne Grund Bens erfolgreichster Song. Dieter war ein Fan.
6. THE 1975 – I LIKE IT WHEN YOU SLEEP, FOR YOU ARE SO BEAUTIFUL YET SO UNAWARE OF IT
Early-Mörly. Das war es, was Dieter im letzten Teil während der Steigerung immer und immer wieder verstand. Wovon es auch immer handelte, in jedem Fall ein Wahnsinns-Track, der ihn direkt im manchmal etwas gebrochenen Herzen abholte.
7. MOBY – THE SKY IS BROKEN
Nochmal Moby? Ist das fair? Und es ist, dachte Dieter. Bloß das Arrangement nicht zu voll klatschen. Dieters Sahne-Highlight war der Einsatz der Synthie-Streicher am Ende.
8. ANGELO BADALAMENTI – TWIN PEAKS MAIN THEME
Laura Palmer ist tot, es lebe David Lynch! Dieter hatte ein herzallerliebstes Lynchsches Zitat: Folge immer dem Gefühl, dass du am Anfang hattest, als du eine Idee gut fandest.
9. MIR – IT’S ALRIGHT
Mir? Kennt doch kein Schwein, äh, Hase. Macht nichts. Trotzdem 1a-spitzenmäßige Electronica-Schmonzette.
10. HAUX – SISTER
Man nehme ein minimalistisches Gitarrenriff, umlegt mit Singsang, auf den eine ordentliche Hallschose reichlich draufgeklatscht worden war (Plusquamperfekt, wenn Dieter nicht irrte) – fertig war ein einfacher und effektiver Electronica-Track ganz nach Dieters Geschmack, kein so ein überladenes Menü.
11. MASSIVE ATTACK – TEARDROP
Dumdum, dum-klack – Herzschlag-Triphop, streng genommen kein Electronica, wie Dieter fachmännisch bemerkte. Aber das war kleinlich, Walk Away und Travels waren ja schließlich auch in die Liste geraten.
12. SIDSEL ENDRESEN UND BUGGE WESSELTOFT – TRY
Mjam, Fender Rhodes oder ein ähnliches Vintage Piano, Dieter bildete sich einiges auf sein Gehör ein. Ein feingliedrig zurechtgebröselter Nordland-Track, manche nannten es tatsächlich Jazz, Dieter fand das unpassend.
13. AKUA NARU – POETRY HOW DOES IT FEEL
HipHop war lange so gar nicht seine Welt gewesen, das ist doch Musik für unmusikalische Leute, hörte Dieter sein früheres Ich fluchen wie ein überernährter Rohrspatz. Wie er sich doch geirrt hatte. Und es gab nicht nur TLCs erstes Album…
14. LAMB – GABRIEL
Biblische Metaphern waren ja so eine Sache, Dieter war von Haus aus skeptisch wenn es um Glaubensfragen ging. Da fiel ihm ein, dass er ja selbst in seinem Track Gegen-Panik eine christliche Anleihe vorgenommen hatte. Dann ist es wohl ok, besonders wenn ein derartig feiner Electronica-Track dabei herauskommt.
15. LYKKE LI – MELODIES & DESIRES
I, I follow – oder so ähnlich, kam es Dieter in den Sinn. Aber in diesem Fall mehr Indie und nur mit Sprechen und zusätzlich eine Extraportion floating down the river.
Ob es wohl noch mehr feine Electronia-Tracks gab? Mit Sicherheit. Die warteten nur darauf von Dieter gefunden zu werden.